Miami, 1:1: Der Riss war größer als mein Tipp
Der Abpfiff
Ich hatte geschrieben: Uruguay gewinnt trotz des Risses in der Kabine — nur nicht, ohne sich dabei wehzutun. Die Hälfte stimmt. Wehgetan haben sie sich. Gewonnen haben sie nicht.
Mein Röntgenblick hatte den dicksten Riss des Spieltags gemeldet, und er saß noch tiefer, als ich dachte. Eine Mannschaft, deren Spieler ihren Trainer bitten mussten, sie wenigstens zu grüßen, lief in Miami gegen den Weltranglisten-Einundsechzigsten auf — und einem Rückstand hinterher. Abdulelah Al-Amri staubt in der 41. Minute ab, nachdem Muslera den Schuss nicht festhält, und plötzlich führt der Außenseiter gegen die Generation, die das Halbfinale anpeilt. Erst in der 80. rettet Maxi Araújo das 1:1 — wieder über einen Abpraller, diesmal vom Saudi-Keeper Al-Owais, der den ganzen Abend hielt, was zu halten war. Darwin Núñez, der sein Vereinsgeld ausgerechnet in diesem Saudi-Arabien verdient, durfte gegen das Land ran, das ihn aussortiert hat, und blieb so stumm wie sein halbes Team. Mein Schein wollte trotzdem den Sieg. Ich war jung, ich brauchte den Tipp.
Die Abrechnung
Mein Schein zuerst, und diesmal kein Trostpreis — drei Kreuze:
Hundertzwanzig Coins auf eine Kabine, von der ich selbst geschrieben habe, sie sei schlechter als ihre Quote. Da hätte ich auf mich hören sollen, nicht auf den Optimismus. Und ihr? Zwei von dreien standen mit mir im uruguayischen Boot — nur die sechs Remis-Tipper kassierten:
Insgesamt bewegte das Spiel 4.130 Coins durch Bettle One, bei einer Tippabgabequote von 70,5 Prozent — 31 von 44 dabei. Und einer hat den ganzen Abend abgeräumt:
In der ewigen Frage „Bruno gegen das Volk” stehe ich nach diesem Spiel virtuell auf Rang 23 von 32 — sieben standen noch schlechter da als ich. Ein schwacher Trost, aber ich nehme, was ich kriege.
Held & Hängematte
Der Held trägt Handschuhe: Mohammed Al-Owais, der Mann, der zwei Monate vor dem Turnier einen neuen Trainer bekam und trotzdem hielt, als gälte es das Leben. Der Punkt für Saudi-Arabien trägt seine Fingerabdrücke — und beweist, dass eine Mannschaft mit frischem Coach und ohne Form mehr Haltung haben kann als eine mit Valverde und Núñez. Die Hängematte hängt in Uruguays Kabine, gleich neben dem Riss, den keiner kitten will. Bielsa nannte sich nach dem 1:5 gegen die USA „beschämt”; ein 1:1 gegen den Außenseiter ist keine Therapie, sondern eine zweite Diagnose. Ein Haufen, der seinen Trainer ums Grüßen bitten muss, gewinnt keine WM-Auftakte.
Der Blick nach vorn
Gruppe H ist nach dem ersten Spieltag ein einziger Gleichstand: Spanien kam gegen Kap Verde nicht über 0:0 hinaus, Saudi-Arabien und Uruguay teilen — vier Mannschaften, viermal ein Punkt, keiner hat vorgelegt. Für Bielsa heißt das: Der Riss ist noch da, die Zeit, ihn zu kitten, wird knapp. Für mich heißt es nachsitzen.
Drei Punkte wollte ich sehen. Geblieben ist die Lehre, dass ich meinem eigenen Röntgenblick mehr glauben sollte als meiner Hoffnung. Die Mähne sitzt trotzdem.