Kanada – Bosnien: Im kleinsten Stadion gewinnt heute niemand
Die These
Bosnien hat das Verlieren verlernt, Kanada das Toreschießen — und genau dazwischen liegt der Punkt, den heute Abend beide behalten.
Der Faktenkasten
Die Lage
Schaut nicht auf die Ränge, schaut auf den Weg. Bosnien ist über Wales und Italien ins Turnier gekommen, beide Male im Elfmeterschießen — wer zwei solche Nächte hintereinander übersteht, hat eine Kabine, die hält. Vier Remis in Serie klingen nach Langeweile; ich lese darin Sturheit. Vorne hängt fast alles an einem 40-Jährigen: Edin Džeko, ältester Torschütze der 2.-Bundesliga-Geschichte, trifft seit 20 Jahren ohne Unterbrechung für sein Land — und hat sich in der letzten Sekunde des Italien-Spiels die Schulter ruiniert. Er spielt trotzdem. Natürlich spielt er.
Und Kanada? Acht Spiele ungeschlagen, sechs davon zu null — aber drei davon 0:0. Marschs Mannschaft ist organisiert wie ein Aktenschrank, nur: Davies fehlt zum Auftakt, Bombito fürs ganze Turnier, hinten räumt ein 20-Jähriger namens De Fougerolles auf. Wer schießt das Tor? Jonathan David, sagt Toronto. Einer gegen einen Abwehrriegel, sage ich.
Abseits des Platzes
Das kleinste Stadion dieser WM steht in Toronto — ein ehrlicher Fußballplatz am See, für vier Wochen auf gut 45.000 aufgestockt. Während anderswo 70.000er-Paläste mit Dynamik-Preisen gefüllt werden, spielt Kanadas Männerteam hier sein erstes WM-Spiel im eigenen Land vor Leuten, die zur Not auch im Schneeregen kämen. Und dieser Gastgeber macht, was ein Gastgeber tun soll: einladen statt aussperren. Wie Mexiko gestern. Die beiden Nachbarn zeigen gerade nebenbei, wie dieses Turnier gemeint war — man fängt an zu ahnen, zwischen wem das Sandwich liegt. Das kleinste Stadion ist das ehrlichste dieser WM. Vielleicht gerade deshalb.
Was die Welt erwartet
Gut jeder Zweite sieht Kanada, jeder Vierte ein Remis, jeder Fünfte Bosnien. Verstehe ich ja: Heimspiel, Heimkrach, Heimserie. Aber eine Mannschaft, die seit vier Spielen niemanden gewinnen lässt — nicht mal sich selbst —, kippt nicht am ersten Abend. Schon gar nicht gegen einen Gastgeber ohne seinen Schnellsten.
Brunos Ansage
1:1. Meine drei Häkchen wie immer — 60 aufs Unentschieden, 40 aufs Remis mit Toren, 20 aufs Ergebnis, der Rest bleibt auf der Rente:
Wenn Bosnien trifft, dann der Alte mit der kaputten Schulter — Stürmer wie Džeko brauchen zum Jubeln keine zwei gesunden Arme. Und Kanada, dein Abend bleibt trotzdem schön: Es gibt schlimmere Premieren als einen Punkt im eigenen Wohnzimmer.