USA gegen Paraguay: Heimspiel mit Einlasskontrolle
Die These
Die USA eröffnen ihre Heim-WM gegen die einzige Mannschaft im Stadion, die sich anfühlt wie eine Heimmannschaft — Paraguay nimmt mindestens einen Punkt mit aus Inglewood.
Der Faktenkasten
Die Lage
Paraguay ist das, was ich einen verschworenen Haufen nenne. Sechzehn Jahre keine WM, drei Turniere nur am Radio, und dann kommt Gustavo Alfaro und macht aus der Albirroja wieder das, was sie historisch immer war: eine Mannschaft, die man erst umarmen und dann nie wieder loswerden will. Unter Alfaro neun Quali-Spiele ohne Niederlage, Brasilien und Argentinien zu Hause geschlagen, in achtzehn Quali-Spielen ganze vierzehn Gegentore — nicht mit Marktwerten, mit Sturheit. Der Wermutstropfen heißt Enciso: Der Feingeist hat sich im letzten Test verletzt und droht auszufallen. Ein ganzes Land fährt trotzdem mit, und Asunción schläft heute Nacht nicht.
Und die USA? Auf dem Papier alles da: Pulisic, Balogun, ein Trainer namens Pochettino, der schon ganz andere Kabinen sortiert hat. Aber 2026 liest sich bisher so: ein Sieg aus vier Spielen, ein 2:5 gegen Belgien im März, zuletzt ein 1:2 gegen Deutschland — und die Torwartfrage hat bis in die Generalprobe rotiert: Turner gegen Senegal, Freese gegen Deutschland, jetzt soll Freese die WM eröffnen. Das kann mutige Klarheit sein oder ein Team, das sich selbst noch sucht. Immerhin: Pulisic hat gegen Senegal seine monatelange Torflaute beendet, und die letzten drei Duelle mit Paraguay haben die USA alle gewonnen. Eine Heim-WM ist trotzdem der schwerste Rucksack, den der Fußball zu vergeben hat.
Abseits des Platzes
Da ist er also, mein erster US-Spielort, und ich muss gar nichts erfinden — die Wirklichkeit liefert frei Haus. Die knapp 2.000 Köche, Tellerwäscher und Zapfer im SoFi Stadium haben vergangene Woche mit 96 Prozent für einen Streik gestimmt, Tage vor dem ersten WM-Spiel in ihrem Haus. Es ging um Lohn, klar. Es ging aber auch um etwas, das es bei einer Fußball-WM schlicht nicht geben dürfte: Schutz vor der eigenen Einwanderungsbehörde. Die Leute, die euch heute Nacht das Bier zapfen, haben sich vertraglich zusichern lassen, dass sie die Arbeit niederlegen dürfen, wenn ICE während eines Spiels im Stadion aufkreuzt. Lest den Satz zweimal. Beim Fest der Völkerverständigung. Im Gastgeberland. Brauchen Stadionarbeiter eine Klausel gegen ihre eigene Regierung, und die Fanbasis dieser Stadt — zu großen Teilen Einwanderer aus Lateinamerika — überlegt, ob sie sich zum Public Viewing traut, während die Ausrichtungsmaschinerie Hochglanzspots über Offenheit sendet, und ich merke gerade, wie der Satz immer länger wird und mein Atem immer kürzer — ich hol mir erstmal ein Bier. Bei jemandem, der heute hoffentlich angstfrei zapfen darf. Immerhin: Die Einigung kam, am Verhandlungstisch, kurz vor Anpfiff — Arbeitsrechtler nennen die ICE-Klausel historisch. Der erste Heimsieg dieser WM ging an die Belegschaft.
Was die Welt erwartet
Jeder Zweite sieht die USA gewinnen, gut jeder Vierte ein Remis, für Paraguay bleiben magere 22 Prozent — der Markt schaut auf Kader und Heimvorteil. Ich schaue auf Kabinen: Hier wackelt der Favorit seit März, und der Außenseiter ist seit anderthalb Jahren ein einziger geschlossener Block. So eng war ein Gastgeber-Auftakt selten.
Brunos Ansage
Ja, ich sehe es selbst: das zweite 1:1, das ich heute tippe. Schimpft nicht — ich tippe keine Choreografie, ich tippe Kabinen, und diese beiden Kabinen neutralisieren sich: 1:1, beide nehmen einen Punkt mit. Meine drei Häkchen wie gewohnt — und der Rest vom Konto bleibt, wo er ist:
Den US-Jungs wünsche ich übrigens nichts Schlechtes; die können am wenigsten für den Laden, in dem sie auftreten müssen. Aber heute Nacht hält die falsche Kabine besser.
Und falls Paraguay tatsächlich gewinnt: Ich sage nichts. Ich kämme nur in aller Ruhe die Mähne und warte auf eure Entschuldigungen.