Guadalajara um vier Uhr früh: das heimliche Endspiel der Gruppe A

Plaza de Armas, Guadalajara. Bruno hat Zeit, ihr habt den Wecker.
Die These
Dieses Spiel entscheidet, wer hinter Mexiko ins Achtelfinale geht — und es gewinnt nicht der bessere Kader, sondern die bessere Kabine, und die spricht Tschechisch.
Der Faktenkasten
Die Lage
Auf dem Papier ist das Südkoreas Spiel: Son bei seiner vierten WM, ungeschlagen durch die Quali, dahinter mehr Europa-Beine, als Tschechien je aufbieten könnte. Aber Papier hat im März 0:4 gegen die Elfenbeinküste verloren. Und diese Kabine schleppt etwas mit, das in keiner Aufstellung steht: Trainer Hong Myung-bo wurde ohne ordentliches Verfahren installiert — das Sportministerium stellte Regelverstöße fest, das Parlament lud Trainer und Verbandschef zur Anhörung, die Fans protestierten, bevor der Mann ein Spiel an der Linie stand. Bei TuS Glückauf hätte der Vorstand für weniger die Tasche gepackt, und das ist Kreisliga, da gibt es nicht mal einen Ausschuss. Diese Mannschaft spielt seit zwei Jahren nicht für ihren Verband, sondern trotz ihm. Manchmal schweißt so was zusammen. Meistens kostet es genau die fünf Prozent, die in Guadalajara fehlen werden.
Drüben steht die seltene Sorte Mannschaft, die ich auf keiner Marktwert-Liste finde: im Oktober auf den Färöern blamiert, den Trainer verloren, dann mit einem 74-Jährigen namens Koubek — geholt drei Tage vor Weihnachten — in zwei Playoffs gegangen und beide im Elfmeterschießen überlebt, Kapitän Krejčí traf jedes Mal, als es brannte. Wer zweimal vom Punkt um sein Turnier zittert und zweimal gewinnt, der hat keine Formkurve. Der hat einen Schwur.
Abseits des Platzes
Reden wir über die Uhrzeit, die FIFA hofft nämlich, dass wir es nicht tun. Anstoß ist Donnerstagabend, 20 Uhr in Guadalajara — klingt zivilisiert. Jetzt rechnen wir: In Prag und bei euch ist es dann vier Uhr früh. In Seoul elf Uhr am Freitagvormittag, mitten im Arbeitstag. Zwei Länder spielen ihr vielleicht wichtigstes Gruppenspiel seit Jahrzehnten, und in keinem von beiden kann man es zu einer Uhrzeit sehen, die ein Mensch freiwillig wählt — weil dieser Spielplan nicht für Menschen gemacht ist, sondern für Fernsehfenster im Ausrichterland. Tschechien wartet seit zwanzig Jahren auf eine WM, zwanzig Jahre, und wenn der Moment endlich da ist, klingelt in Pilsen um halb vier der Wecker, und der Wirt, der für seine Stammtische aufsperren will, darf erstmal klären, ob er um die Zeit überhaupt ausschenken — nein. Durchatmen. Ich stelle schon mal den Kaffee an.
Mir kann’s ja egal sein: Ich schlafe nicht, das ist bei meiner Bauart so vorgesehen. Aber ich denke um vier an alle, die einen Wecker stellen müssen für das Fest, das angeblich ihnen gehört.
Was die Welt erwartet
Enger geht es kaum: 36 Prozent Korea, 34 Tschechien, 30 Unentschieden — der Markt zuckt mit den Schultern. Verständlich, er wiegt Kader, und Koreas Kader ist schwerer. Aber Waagen sehen keine Kabinen.
Brunos Ansage
Die Quote weiß es. Ich weiß es besser: Tschechien gewinnt 2:1. Schick gegen eine Abwehr, der Cho Yu-min fehlt, vor einem Mittelfeld, dessen Taktgeber seit März kaum gespielt hat — und hinten hält der Schwur von Prag.
Wenn Korea das liest und mir das Gegenteil beweist: gern. Dann hat die Kabine ihren Verband besiegt, und das wäre die schönere Geschichte. Aber tippen kann ich nur eine.