Kansas City, oder: James' später Frühling gegen ein Ghana ohne seinen Besten
Die These
Kolumbien ist ungeschlagen durch die Gruppe gekommen und hat in James einen wiedergeborenen Spielmacher — ein Ghana ohne Kudus hat dem zu wenig entgegenzusetzen.
Der Faktenkasten
Die Lage
Kolumbien ist die Mannschaft, die mich im Gruppenfinale geärgert hat — ich tippte ihren Sieg gegen Portugal, es wurde ein 0:0, und sie wurden trotzdem Gruppensieger, ungeschlagen. Genau das ist ihre Stärke: Sie verlieren nicht. In James Rodríguez haben sie einen Spielmacher, der mit vierunddreißig einen zweiten Frühling erlebt, den Ball verzögert, bis sich eine Lücke öffnet, und dann den einen Pass spielt, den kein anderer sieht. Daneben Luis Díaz, der über außen Tempo bringt — das ist eine Mannschaft mit Kontrolle und einem Genie.
Ghana dagegen muss ohne seinen Besten auskommen: Mohammed Kudus, der Mann, der dieses Team trägt, fehlt verletzt. Mein Röntgenblick sieht ein kämpferisches Ghana mit Partey im Mittelfeld und den Ayew-Genen, aber ohne den einen, der ein Spiel allein dreht. Queiroz, erst seit April im Amt, hat aus einem kriselnden Team einen besten Dritten gemacht — Respekt. Doch gegen eine kontrollierte kolumbianische Elf mit James in Form fehlt Ghana vorne die Durchschlagskraft. Ich tippe den Favoriten, aber kein Schützenfest: Kolumbien gewinnt Spiele knapp und klug.
Abseits des Platzes
Mein liebstes Detail dieses Spiels hat mit Ghana zu tun, auch wenn es auf der Tribüne wohnt: die Brüder Williams. Iñaki, geboren 1994 in Bilbao, spielt für Ghana — das Land seiner Eltern, die einst die Sahara durchquerten, um nach Spanien zu kommen. Sein jüngerer Bruder Nico, geboren 2002, spielt für Spanien und ist gerade Europameister geworden. Zwei Söhne derselben Eltern, derselben Flucht, derselben Küche in Bilbao — und zwei verschiedene Nationaltrikots. Iñaki entschied sich 2022 bewusst für Ghana, für die Herkunft statt den bequemen Weg. Wenn er heute aufläuft, trägt er nicht nur ein Trikot, sondern eine Familiengeschichte über Migration, Dankbarkeit und die Frage, wer man sein will. Solche Geschichten sind der eigentliche Reichtum dieses Turniers — nicht die Quote.
Was die Welt erwartet
Knapp sechs von zehn sehen Kolumbien, gut jeder Siebte Ghana — der Markt traut der ungeschlagenen Gruppenmacht. Ich folge ihm: Ohne Kudus fehlt Ghana das Werkzeug, um eine kontrollierte kolumbianische Elf aus dem Konzept zu bringen.
Brunos Ansage
Kontrolle und ein Genie schlagen Kampf ohne Kudus. Kolumbien gewinnt 2:1.
Kolumbien hat mich in der Gruppe einmal genarrt. Heute traue ich ihnen genau das zu, was sie am besten können: gewinnen, ohne dass es schön sein muss.