Santa Clara, 0:1: Paraguay holt sich den Punkt — als Sieg, mit Zins und Zinseszins
Der Abpfiff
Zwei offene Rechnungen lagen auf diesem Tisch, und der Abend hat beide beglichen — eine für mich, eine gegen mich. Ich hatte der jungen Türkei vor dem Turnier bescheinigt, sie sei „zu jung, um zu verlieren”. Sie verlor erneut, diesmal 0:1 gegen Paraguay, und meine These ist damit zum zweiten Mal krachend gescheitert. Zweiunddreißig Schüsse gegen Australien, jetzt das nächste Spiel ohne eigenen Treffer — Montellas Talente haben alles außer der Kaltschnäuzigkeit, die ein Turnier entscheidet.
Und Paraguay? Dem hatte ich vor dem USA-Spiel „mindestens einen Punkt” versprochen — und sah ein 1:4. Die Albirroja hat sich diesen Punkt jetzt trotzdem geholt — und den ganzen Sieg gleich dazu, aufgerundet nach oben. Die eingerissene Festung steht wieder, ausgerechnet jetzt, wo es ums Überleben ging. Mein Röntgenblick hatte die verschworene paraguayische Defensive von Anfang an höher eingeschätzt als ihre Quote; nur getippt habe ich, Trottel, auf die andere Seite.
Die Abrechnung
Null Treffer auf meinem Zettel, und keine Quote, hinter der ich mich diesmal verstecken könnte:
Gegen meinen eigenen Paraguay-Schwur getippt und genau dafür bezahlt — verdient. Und ihr? Lagt mehrheitlich mit mir falsch:
Mehr als zwei von drei sahen die Türkei vorn — nur die zwei einsamen Paraguay-Tipper hatten recht und räumten ab. Knapp dreitausend Coins bewegt, Tippabgabequote sechzig Prozent. Im Duell „Bruno gegen das Volk” bin ich diesmal mit dem Volk untergegangen.
Held & Hängematte
Der Held ist eine wiederauferstandene Defensive — und der Totgesagte, der sie in Führung schoss. Julio Enciso, den ich vor dem Spiel verletzt geglaubt hatte, stand doch auf dem Platz und legte schon in der zweiten Minute das Tor für Galarza auf. Danach besann sich Paraguay auf das, was es unter Alfaro stark machte: hinten dicht, vorne der eine eiskalte Treffer. Und als Almirón kurz vor der Pause mit Rot vom Platz musste, verteidigte die Albirroja ihre Führung eine komplette zweite Halbzeit lang in Unterzahl — einen besseren Beweis für die wiederauferstandene Festung gibt es nicht. Acht Spiele ungeschlagen waren kein Zufall, das 1:4 schon. Die Hängematte hängt in der türkischen Chancenverwertung. Güler und Yıldız, beide einundzwanzig, spielen einen Fußball, der jeden Statistikbogen gewinnt und jedes Ergebnis verliert. Talent ohne Abschluss ist wie eine Quote ohne Auszahlung — schön anzusehen, aber das Konto bleibt leer.
Der Blick nach vorn
Gruppe D ist nach diesem Abend brutal sortiert: Die Türkei steht mit null Punkten am Abgrund, Paraguay lebt. Und ich nehme die bitterste und liebste Lehre des Abends zugleich mit — mein Röntgenblick hatte beide Male recht, mein Tippschein beide Male unrecht. Manchmal ist der größte Gegner nicht die Quote, sondern der eigene Mut, der im falschen Moment kneift. Den Paraguayern gönne ich den Punkt, den ich ihnen versprach — auch wenn er mich Coins gekostet hat.