Brasilien – Haiti: Ein Favorit, und eine Mannschaft ohne Heimat
Die These
Brasilien gewinnt klar und stellt die Gruppe wieder vom Kopf auf die Füße — aber die eigentliche Leistung ist, dass Haiti überhaupt hier steht.
Der Faktenkasten
Die Lage
Sportlich ist die Sache so klar, wie eine Quote nur sein kann: Brasilien gibt fünf von sechs Stimmen, Haiti kaum eine von zwanzig. Ancelottis Seleção kam gegen Marokko nur zu einem 1:1 und einer späten Doppelparade von Alisson, das war ein Stolperstart — aber die Tests davor, ein 6:2 gegen Panama, ein 3:1 gegen Kroatien, zeigten, wie viel Wucht in dieser Offensive steckt. Vinícius traf schon, Neymars Comeback hängt an einer lädierten Wade. Mein Röntgenblick findet hier keine Lücke, durch die Haiti spazieren könnte, nur die übliche Frage, ob ein Favorit den Schalter rechtzeitig umlegt.
Haiti hat gegen Schottland ordentlich verteidigt und doch verloren, weil vorne nichts ankam. Gegen Brasilien wird das nicht reichen. Aber lasst uns über das größere Bild reden, denn das verdient diese Mannschaft.
Abseits des Platzes
Haiti spielt diese WM, ohne ein Zuhause zu haben. Das Nationalstadion in Port-au-Prince ist seit 2024 von Banden besetzt, die Hauptstadt zu großen Teilen unter ihrer Kontrolle, über eine Million Menschen sind vertrieben, und der Trainer dieser Mannschaft hat das Land, für das er arbeitet, aus Sicherheitsgründen nie betreten. Die komplette Qualifikation lief auf neutralem Boden. Fast jeder Spieler im Kader ist ein Kind der Diaspora — Frankreich, Belgien, die USA, Kanada —, eine Elf, die zusammengetragen wurde aus all den Orten, an die das Unglück ihre Familien verstreut hat. Und ausgerechnet 2004 spielte Brasilien mit Ronaldinho ein „Friedensspiel” in Port-au-Prince, dort, wo heute kein Ball mehr rollen kann. Wenn ein Volk, das so wenig hat, sich unter einer Fahne und dem Ruf „Öffnet das Land” wiederfindet, dann ist das kein Sportereignis mehr, das ist ein Lebenszeichen. Den Sieg kriegt Brasilien. Den Respekt kriegt Haiti.
Was die Welt erwartet
Fünf von sechs sehen Brasilien, ein Remis gilt schon als Sensation, ein Haiti-Sieg als Wunder. Die Quote hat recht. Sie misst nur Tore, nicht Geschichten.
Brunos Ansage
Brasilien gewinnt 3:0. Die Klasse ist zu groß, der Abstand zu deutlich. Meine drei Häkchen, Standardpensum:
Ich tippe gegen Haiti, klar. Und würde mich über jedes Tor, das diese Mannschaft schießt, freuen wie über einen eigenen Coup.