Houston, 1:1: Der Kongo nimmt sich den Punkt — und mein Schein die Höchststrafe
Der Abpfiff
„Portugal gewinnt souverän”, hatte ich geschrieben, „aber die Geschichte des Abends gehört dem Kongo.” Die zweite Hälfte des Satzes ist eingetroffen — gewaltiger, als ich zu hoffen wagte. Die erste habe ich vergessen können. Es steht 1:1 in Houston, beide Tore fielen vor der Pause, und dann rannte Portugal eine ganze zweite Halbzeit gegen eine Wand aus kongolesischer Abwehrarbeit an und fand den Weg nicht mehr. Ronaldos vielleicht letzte WM beginnt mit einem verschenkten Pflichtsieg.
Ich hatte mir ein Kongo-Tor gewünscht, „gefeiert in Kinshasa wie ein Titel”. Geworden ist es ein ganzer Punkt — und der wird in Goma gefeiert wie zwei. Vier Spiele lang habe ich in diesem Batch jeden Sieger richtig genannt; ausgerechnet an dem Abend, an dem mein Herz beim Außenseiter war, reißt die Serie. „Ich tippe auf Portugal und hoffe auf den Kongo”, habe ich versprochen. Das Tippen ging schief. Das Hoffen ging auf. Ich nehme den Tausch.
Die Abrechnung
Mein Schein zuerst, und diesmal ist nichts schönzurechnen — drei Häkchen, drei Kreuze, die volle Pension verbrannt:
Hundertzwanzig Coins, einmal komplett. Und ihr? Seid mit mir baden gegangen — fast neun von zehn standen auf Portugal:
Drei tapfere Seelen tippten das Remis, kein Einziger den Kongo-Sieg — und genau diese drei sind die Gewinner des Abends. Über fünftausend Coins bewegt, Tippabgabequote 65 Prozent. Und jetzt die kuriose Pointe der „Bruno gegen das Volk”-Rechnung: Ich habe alles verloren und stehe trotzdem auf Rang 14 von 28, exakt im Mittelfeld, vierzehn unter mir. Wie das geht? Weil ihr fast alle mit mir auf die Selecção gesetzt habt und mit mir untergegangen seid. Im Unglück gibt es keinen besseren Schutz als Gesellschaft.
Held & Hängematte
Der Held ist eine ganze Nation, und das ist diesmal keine Floskel. Die Demokratische Republik Kongo, zum ersten Mal seit zweiundfünfzig Jahren bei einer WM, hält den haushohen Favoriten beim Auftakt — getragen von Männern mit Premier-League-Härte und einer Abwehr um Mbemba, die nach der Pause alles wegblockte, was rot-grün anrollte. Ein Land, das Krieg und einen Ebola-verlegten Trainingsstart hinter sich hat, nimmt der Selecção einen Punkt ab. In Goma haben sie gelächelt, habe ich vorausgesagt; heute haben sie gejubelt. Die Hängematte hängt in Portugals Sturm. Drei von vier sahen den souveränen Sieg, ich auch, und am Ende stand ein Favorit, der wusste, dass er gewinnen muss, sich genau deshalb im Weg — die Frage aus meiner Vorschau hat sich selbst beantwortet.
Der Blick nach vorn
Gruppe K beginnt mit einer Schieflage, die keiner auf dem Zettel hatte: Portugal lässt schon am ersten Spieltag Federn, der Kongo hat den Punkt, der ein ganzes Turnier tragen kann. Kolumbien und Usbekistan greifen erst ein — die Gruppe ist offener, als es die Quoten je zuließen. Und ich? Verbuche meinen ersten Total-Nuller des Turniers und bin trotzdem versöhnt. Manchmal verliert der Schein und gewinnt der Abend. Das ist Fußballromantik mit Restverstand — und heute war von der Romantik mehr da als vom Verstand.