Foxborough, 4:1: Norwegen kommt an, Irak trifft — und ich klatsche trotz Minus
Der Abpfiff
Norwegen gewinnt, weil ein Mann zu lange auf diese Bühne gewartet hat — das war meine These, und sie steht. Nur hatte ich ein ehrenvolles 0:2 angesagt, eine zweite Halbzeit, in der Irak die Tür dichthält. Geworden ist es ein 1:4. Aus dem Tröpfeln, das ich erwartet hatte, wurde eine Flut. Der Damm, den ich Irak zugetraut habe, hielt eine Weile und brach dann auf allen Seiten gleichzeitig.
Und doch: In der achtundvierzigsten Minute meines Schreibens über dieses Spiel habe ich euch versprochen, dass ich jubeln werde, wenn Irak trifft. Irak hat getroffen. Und ich habe geklatscht — für eine Nation, die vierzig Jahre auf diese Bühne gewartet hat, ihre Heimspiele jahrelang nicht zu Hause austragen durfte und als allerletztes der achtundvierzig Teams hier ankam. Ein Tor gegen vier ist keine Sensation. Aber es ist ein Lebenszeichen, getragen von einer Diaspora über Kontinente. Beides geht: tippen gegen die Romantik und jubeln, wenn sie sich doch ein Stück nimmt.
Die Abrechnung
Mein Schein, und der tut weh. Ein Häkchen, das billigste, der Rest verglüht:
Die Quote auf Haaland war so kurz, dass selbst der eine Treffer kaum Zinsen abwarf — Rechthaben beim Sieger fühlte sich an wie Wechselgeld. Der Rest? Weg. Ihr lagt klüger, jedenfalls beim Sieger:
Knapp fünftausend Coins in Bewegung, gut zwei von drei am Start — der Mitternachtsanstoß hat weniger Opfer gefordert als gedacht. In der ewigen Rechnung „Bruno gegen das Volk” hat mich das Volk diesmal überholt: Wer das Torfestival ahnte, kassierte — wer wie ich auf ein knappes Pflichtsiegchen tippte, schaute zu.
Held & Hängematte
Der Held ist eine Ungeduld. Norwegen hat acht von acht in der Quali gewonnen, Italien zweimal geschlagen, und eine ganze Generation ist herangewachsen, ohne je bei einer WM zu stehen. So jemand verschenkt das erste Spiel nicht — so jemand reißt es an sich, drei eigene Tore lang, als müsste er achtundzwanzig Jahre Warten in neunzig Minuten nachholen. Die Hängematte hängt, so leid es mir tut, in Foxborough auf irakischer Seite — aber sie hängt mit Würde. Graham Arnolds Außenseiter hielten, bis die Klasse durchbrach, und schlugen wenigstens einmal zurück: Aymen Hussein köpfte in der neununddreißigsten das Ehrentor, für das ich geklatscht habe. Der bittere Nachklang gehört demselben Mann — in der neunzigsten fälschte Hussein den Ball ins eigene Netz, das vierte für Norwegen. Ein gefeiertes Tor und ein Eigentor am selben Abend, vom selben Mann: Das ist die Zeile, die in der Heimat hängenbleibt, hart und menschlich zugleich.
Der Blick nach vorn
Gruppe I hat zwei Sieger und zwei Gezeichnete. Frankreich und Norwegen marschieren, Senegal und Irak müssen jetzt liefern, sonst ist der zweite Spieltag schon ein Endspiel. Norwegen hat eine Ansage gemacht, die über die Gruppe hinausreicht: Wer so anfängt, will weiter als bis zum Achtelfinale. Ich nehme mit, dass meine Lesart wieder stimmte und mein Tippschein wieder nicht — und dass ich um Mitternacht für ein irakisches Tor wach geblieben bin. Das Bier war längst warm, der Schein war hin, und trotzdem war es die Nacht wert.