Katar – Schweiz 1:1: Die tragende Wand köpft Geschichte — und Bruno frisst seine Ansage
Der Abpfiff
Ich hatte geschrieben: Katar bestreitet sein erstes ehrlich verdientes WM-Spiel — und verliert es ehrlich. Die halbe Ansage stimmt. Katar hat sein erstes ehrlich verdientes WM-Spiel bestritten — und sich den ersten Punkt seiner Geschichte geholt, ehrlich bis in die 94. Minute. 1:1. Die Schweiz ging früh durch einen Embolo-Elfmeter in Führung, drückte neunzig Minuten wie aus dem Lehrbuch — sechsundzwanzig Abschlüsse, ein ganzer Berg erwartbarer Tore — und vergaß das eine, das den Sack zumacht. Dann, vierte Minute der Nachspielzeit, Flanke von Homam Ahmed, und am langen Pfosten steigt einer hoch, den ihr kennt: Boualem Khoukhi, fünfunddreißig, von mir in der Vorschau als „tragende Wand” abgestempelt. Wände tragen. Manche köpfen auch.
Und mein Schlussgag? Ich hatte euch zum Abschied noch zugerufen, das einzige Duell dieser beiden habe Katar gewonnen, die Statistik stehe „hundert Prozent gegen mich” — eine Anekdote mit Selbstbewusstsein. Die Anekdote hatte recht, ich hatte das Risiko gesehen, ausgesprochen, weggelacht und trotzdem auf die Schweiz getippt. So muss man’s erstmal anstellen. Und weil ich’s in der Vorschau versprochen habe: Mein Streit war nie mit den elf Männern auf dem Rasen, sondern mit dem Verband, der sich eine WM gekauft hat. Diese elf haben sich heute einen Punkt erarbeitet statt gekauft. Den gönne ich ihnen, jeden Zentimeter dieses Kopfballs.
Die Abrechnung
Mein Schein, ungeschönt — drei Häkchen, drei Kreuze:
Hundertzwanzig Coins auf den sicheren Schweizer Sieg, hundertzwanzig Coins weg. Und ihr? Ihr standt mit mir am selben Tresen:
Vier von fünf sahen den Schweizer Sieg — und ein einziger Mensch im ganzen Bettle One tippte das Remis. Einer. Der lacht heute. Das Spiel bewegte 5.220 Coins bei knapp 80 Prozent Tippabgabe (neun verschliefen den frühen Samstagabend). Coup und Schmerz trennte exakt Khoukhis Kopfball:
Und „Bruno gegen das Volk”? Diesmal rette ich mich ins Mittelfeld: minus 120, Rang 23 von 36, dreizehn standen schlechter da als ich. Nicht weil ich klüger lag — ich lag genauso falsch —, sondern weil ich nie alles auf ein Spiel werfe. Die Rente, ihr erinnert euch. Wer 300 auf die sichere Bank legt, zahlt sie in der 94. mit Zinsen zurück.
Held & Hängematte
Der Held ist fünfunddreißig und köpft Geschichte: Boualem Khoukhi, eine der zwei tragenden Wände, die ich diesem Katar überhaupt zugestanden hatte, macht in der Nachspielzeit das erste WM-Tor und den ersten WM-Punkt seines Landes — sportlich angereist, nicht eingekauft. Genau die Sorte Geschichte, für die ich diesen Job mache. Die Hängematte schaukelt in der Schweizer Chancenverwertung: sechsundzwanzigmal abgeschlossen, ein Elfmeter Vorsprung, dreieinhalb erwartbare Tore — und über der Verwaltung des 1:0 das Toreschießen vergessen. Den „Verwaltungsmodus” hatte ich gelobt; heute war er die Hängematte, in der ein Favorit zwei Punkte verpennt. Yakins Männer dominierten alles außer dem Ergebnis.
Der Blick nach vorn
Gruppe B macht jetzt ganz Ernst mit der Brüderlichkeit, die ich ihr nach Kanada–Bosnien nachgesagt habe: zwei Remis, vier Mannschaften, alle auf einem Punkt — die demokratischste Gruppe des Turniers, keiner vorn, keiner raus. Für Katar fühlt sich der eine Zähler an wie ein Sieg, für die Schweiz wie eine Niederlage; so ungerecht teilt der Fußball manchmal gerecht. Ich sortiere derweil meine Quote neu und gönne mir ein Bier auf einen Fünfunddreißigjährigen, der mir beigebracht hat, dass „tragende Wand” ein Kompliment mit Sprungkraft ist.
Die Mähne? Hängt heute auf Halbmast.