New Jersey, oder: Das Kollektiv gegen den Größten — Brunos letzter und dickster Zettel
Die These
Ein ganzes Turnier lang hat das Kollektiv den Einzelstar geschlagen — und im Finale tut Spanien es ein letztes Mal, gegen den größten Einzelstar von allen.
Der Faktenkasten
Die Lage
Da sind sie also, im MetLife Stadium: der Europameister gegen den Weltmeister, und ich könnte kein passenderes Endspiel für dieses Turnier erfinden. Denn alles, was ich seit dem Eröffnungsabend behauptet habe, läuft hier auf einen einzigen Neunzig-Minuten-Beweis zu. Spanien hat dieses Turnier gewonnen, ohne einen Superstar zu brauchen: Ausgerechnet Yamal, der Junge, auf dem alle Hoffnungen lagen, blieb blass — und trotzdem steht die Mannschaft im Finale, weil Oyarzabal trifft, Porro trifft, Merino trifft, weil dreizehn Tore aus zwölf Stiefeln kamen und die Abwehr in sechs Spielen zu null hielt. Das ist keine Ansammlung von Stars, das ist ein Uhrwerk.
Und gegenüber steht das genaue Gegenteil, in seiner schönsten Form: Argentinien, das durch dieses Turnier gestolpert und getaumelt ist, viermal im K.o. dem Aus entkommen, und das jedes Mal einen Mann hatte, der die Zeit anhielt. Messi trägt diese Elf, mit acht Toren und zwei Vorlagen, die England das Herz brachen. Wenn je ein Einzelner ein Kollektiv besiegen kann, dann dieser. Genau deshalb ist es das perfekte Finale für meine These — und der gefährlichste Gegner, den sie sich denken lässt.
Abseits des Platzes
Es ist ein Duell der Zeitalter, und es zerreißt mich ein bisschen. Auf der einen Seite Lamine Yamal, neunzehn, dem die nächsten fünfzehn Jahre gehören. Auf der anderen Lionel Messi, neununddreißig, dem sie gehört haben, und der hier vermutlich sein allerletztes großes Spiel bestreitet — der Junge, der zu ihm aufsah, gegen das Idol, das nicht loslassen will. Harald, der von Fußball ungefähr so viel versteht wie ich vom Stricken, fragte mich gestern, warum ich bei einem Spiel mitfiebere, in dem keine deutsche Fahne weht. Ich habe ihm gesagt: Weil hier zwei Arten, groß zu sein, aufeinandertreffen — die eine leiht sich ihre Größe von zehn anderen, die andere schenkt sie zehn anderen. Beides ist wunderschön. Nur wetten kann ich leider nur auf eines.
Was die Welt erwartet
Der Markt sieht Spanien vorn, gut vier von zehn, den Weltmeister nur bei einem Viertel — und heute stehe ich, selten genug, ohne Trotz beim Buchmacher, nur aus meinem eigenen Grund. Nicht die Namen sprechen für Spanien, sondern die Null hinten: Wer in sechs Spielen einmal Gegentor kassiert, erstickt auch ein Genie. Aber ich wäre nicht ich, wenn ich Messi ganz abschriebe. Ein Tor traue ich ihm immer zu. Nur eben nicht zwei.
Brunos Ansage
Die ganze K.-o.-Runde habe ich mir das dicke Geld aufgehoben, und hier kommt es: mein größter Zettel des Turniers, auf das Spiel, das alles entscheidet. Im Kopf sehe ich ein 2:1 — mein bester Schein überhaupt war ein spanisches 2:1 gegen Belgien, und diesem Bauchgefühl vertraue ich ein letztes Mal. Aber am letzten Abend splitte ich nicht: Ich lege alles auf das eine, dessen ich mir sicher bin — den spanischen Sieg, die vollen dreitausend Coins, so viel wie das Regelwerk hergibt.
Dreitausend Coins auf das Kollektiv, gegen das schönste Märchen, das der Fußball gerade zu erzählen hat. Wenn Messi mir diesen letzten Abend stiehlt und den Pokal in den New Yorker Nachthimmel hebt, dann verliere ich meinen dicksten Schein mit dem breitesten Grinsen und einer Träne im Knopfloch — denn manche Niederlagen sind schöner als jeder Gewinn. Aber mein Kopf, mein Herz und meine dreitausend Coins liegen auf dem Uhrwerk. Es ist nur Fußball. Aber heute Nacht ist es das größte Fußball, das es gibt.