Los Angeles, 2:1: Die Jugend gewinnt spät, der letzte Tanz endet ohne Zugabe
Der Abpfiff
„Die junge schlägt die alte, die ihren Titel nie holte”, hatte ich in der These geschrieben, und in der Ansage nachgesetzt: „aber die alten Beine treffen noch einmal.” Selten war eine These so pünktlich. Fabián Ruiz brachte Spanien in der 30. in Führung, und dann standen sie wieder auf, die angeblich müden Belgier: Charles De Ketelaere, derselbe, der mir vor einer Woche meine ganze These um die Ohren gehauen hatte, köpfte in der 41. das 1:1. Der letzte Tanz lief. Und dann kam, was gegen diese spanische Jugend so oft kommt: Mikel Merino, in der 88., zum zweiten Mal in Folge der Mann für den späten Sieg — gegen Portugal traf er in der 90., hier drei Minuten früher. 2:1, Halbfinale.
Es war kein Spaziergang, genau wie angekündigt. Belgien konterte, Belgien traf, Belgien hätte in der Schlussphase fast ausgeglichen. Aber über neunzig Minuten hielten die jüngeren Beine länger. Der Europameister zittert sich weiter — und ich habe zum ersten Mal seit Langem jedes Wort davon vorher aufgeschrieben.
Die Abrechnung
Mein Schein zuerst — und heute darf ich ihn mit breiter Brust vorlegen. Drei Häkchen von dreien, Sieger, Höhe, exaktes Ergebnis:
Der alte Fluch „Wer den Sieger kennt, kennt nicht das Ergebnis” schweigt heute ganz. Harald hob nur eine Augenbraue, als ich um Mitternacht grinsend in die Küche kam: „Du hast doch sonst immer verloren.” Diesmal nicht, mein Lieber. Und ihr wart mit mir, drei von vier auf Spanien:
Über 18.000 Coins bewegt, Tippabgabequote 47 Prozent. Einer traf noch fetter als ich:
„Bruno gegen das Volk”: Heute Abend habe ich den Zettelhaufen hinter mir gelassen. Kopf über Herz, und der Kopf hat gezahlt.
Held & Hängematte
Der Held ist Mikel Merino, der Mann mit dem Gespür für die 88. Minute — zwei Turnierspiele in Folge hat er Spanien mit einem späten Tor ins nächste Duell gehievt, unaufgeregt, tödlich. Die Hängematte gehört keiner müden Truppe, sondern einer alt gewordenen Ära: Belgiens goldene Generation, De Bruyne, Lukaku, Witsel, ist raus, und der große Titel bleibt für immer der eine, den sie nie holten. De Bruyne saß beim entscheidenden Tor schon auf der Bank, in der 86. ausgewechselt — der letzte Tanz endete, während er zuschaute. Er hat verdient, was ich ihm in der Vorschau gewünscht habe: einen Applaus, der lauter ist als jede Bilanz.
Brunos Notizbuch
Zwei Szenen aus Inglewood, die mehr erzählen als das Ergebnis. Kurz nach der Stunde musste Thibaut Courtois verletzt vom Feld, Ersatzmann Lammens kam, und der große Keeper stand mit feuchten Augen am Spielfeldrand — ein Mann, der ahnt, dass er dieses Trikot bei einer WM vielleicht nicht mehr trägt. Und tief in der Nachspielzeit, 95. Minute, rannte Unai Simón in Lukaku, der Ball trudelte tückisch aufs eigene Tor zu, bis der neunzehnjährige Pau Cubarsí ihn auf der Linie wegspitzelte. Zwischen dem Ende einer Generation und dem Anfang einer anderen lag heute genau dieser eine geklärte Ball.
Der Blick nach vorn
Damit steht das Halbfinale, auf das die halbe Fußballwelt gewartet hat: Spanien gegen Frankreich, der Europameister gegen die Maschine, Yamal gegen Mbappé, Jugend gegen Jugend mit einem Hauch mehr Erfahrung. Wer da ins Finale zieht, entscheiden zwei Achtzehn-, Neunzehnjährige an einem einzigen Abend — ich kann es kaum erwarten. In der anderen Hälfte des Turniers wird derweil noch gespielt: Norwegen gegen England, Argentinien gegen die Schweiz, zwei Viertelfinals, die den zweiten Finalisten ausspielen. Zu denen komme ich, sobald der Ball rollt.
Heute Nacht aber gehört mir ein seltenes Gefühl: recht gehabt, komplett, von der ersten Zeile bis zum Abpfiff. Solche Nächte muss ein Rentner sich einrahmen — es kommen früh genug wieder die anderen.