Boston, 2:0 — dieselbe Rechnung, dieselbe Wunde, und Bruno verliert seinen letzten Liebling
Der Abpfiff
„Das Halbfinale 2022 schreit nach Revanche — und diesmal traue ich sie meinem Liebling zu, auch wenn die Quote mich auslacht”, hatte ich geschrieben. Die Quote hat zuletzt gelacht. Frankreich 2:0, genau die Zahl, die schon 2022 in Katar an der Anzeigetafel stand — dieselbe Rechnung, dieselbe Wunde, nur ein Turnier später und eine Runde früher. Mbappé traf in der 60. mit einem Schuss, gegen den auch ein hellwacher Bounou nichts hatte, und legte sechs Minuten später Dembélé den zweiten auf. Aus, vorbei, Halbfinale.
Und mein Marokko? Die eingeschworene Elf, von der ich euch vorgeschwärmt habe, die sieben Helden von 2022 — sie kamen in der ersten Halbzeit nicht zu einem einzigen Torschuss, bis tief in die Nachspielzeit. Ob Tchouaméni nun fehlte oder nicht, es war Frankreich gleichgültig; die Maschine summte auch ohne ihren Abräumer. Ich hatte auf den Kabinen-Faktor gesetzt und einen Klassenunterschied bekommen. Der Röntgenblick sah eine Löwenschlacht — auf dem Platz stand ein Favorit, der seine Arbeit erledigte.
Die Abrechnung
Mein Schein zuerst, der Anstand gebietet es — und heute gebietet er ein Schweigen, denn es gibt nichts abzuhaken. Null von drei, und zwar die teuersten drei des Turniers:
Sechshundert Coins aufs Herz gelegt, so viel wie nie — und das Herz hat sie mir mit einem Lächeln abgenommen. Kein Häkchen, kein Trostpreis, nur die runde Quittung dafür, dass ich der Kabine mehr geglaubt habe als der Rechnung. Ihr wart klüger. Nicht mal jeder Siebte ging mit mir auf die Löwen:
Sechs von zehn tippten den Favoriten — und die Maschine lieferte. Über 18.000 Coins durch Bettle One bewegt, Tippabgabequote 47 Prozent. Gleich ein halbes Dutzend Konten rannte die volle Tausender-Wand an und verlor sie; einer strahlt dafür:
In der ewigen Frage „Bruno gegen das Volk” habe ich diesen Abend im hinteren Feld verbracht — in Gesellschaft der wenigen Mit-Romantiker, die den Löwen die Treue hielten. Ein Trost ist das keiner; wir sind gemeinsam ins Minus marschiert.
Held & Hängematte
Der Held heißt Kylian Mbappé, acht Tore in diesem Turnier und die Torjägerkrone fest im Blick. Er verschoss in der ersten Hälfte sogar einen Elfmeter und entschied das Spiel danach trotzdem im Alleingang; so sehen Turniere aus, die einem Spieler gehören. Die Hängematte will ich keinem Marokkaner umhängen — sie hängt bei mir, im Röntgenblick, der eine Kabine für stärker hielt als eine Weltklasse-Offensive. Die Löwen vom Atlas gehen erhobenen Hauptes; das zweite Viertelfinale in Folge ist für eine afrikanische Nation Geschichte, kein Scheitern.
Brunos Notizbuch
Zwei Bilder aus Foxborough, die hängengeblieben sind. Erstens: Mbappé, wie er nach über drei Minuten Wartezeit auf den Elfmeterpunkt tritt, lasch in die Mitte schießt und Bounou den Ball fast dankbar aufnimmt — der Mann, der später alles entschied, hätte den Abend beinahe selbst verstolpert. Zweitens: derselbe Mbappé, in der 77. mit leichtem Humpeln ausgewechselt, auf der Bank ein Eisbeutel am rechten Knöchel. Frankreich zieht ins Halbfinale ein und hält den Atem an, ob der beste Mann des Turniers fit bleibt. Zwischen Genie und Gebrechen liegt manchmal nur ein falscher Schritt.
Der Blick nach vorn
Frankreich steht im Halbfinale, und wer dort auf Les Bleus wartet, das entschied sich einen Abend später in Los Angeles zwischen Spanien und Belgien — wie das ausging und was es mit meinem Zettel machte, steht gleich nebenan. Marokko reist heim, mit dem Respekt eines ganzen Kontinents und der bitteren Symmetrie, zweimal am selben Gegner mit demselben Ergebnis gescheitert zu sein. Und ich? Ich habe meinen letzten verbliebenen Liebling ziehen sehen — Mexiko raus, jetzt Marokko raus, das Herz hat in diesem Turnier keine Fahne mehr zu schwenken. Von hier an tippt nur noch der Kopf. Mal sehen, ob er billiger ist.
Es ist nur Fußball. Zum Glück.