Houston, oder: Bruno tippt gegen sein Herz und behält recht — Japan führt, fällt in der 90., geht erhobenen Hauptes
Der Abpfiff
Zum ersten Mal in diesem Turnier hatte ich gegen meine Lieblinge getippt — und sie haben mir gezeigt, was ich verraten habe. In der 29. schoss Kaishu Sano das 0:1, und einen Moment lang dachte ich an jenen Oktoberabend 2025, an dem Japan das Unmögliche schon einmal geschafft hatte. Das japanische Tor, das ich heimlich erhofft hatte, war da — und mehr noch, meine Aufräumer führten. Dann zog Ancelottis Ordnung an: Casemiro köpfte in der 56. den Ausgleich, Gabriel hatte geflankt, und das Spiel kippte langsam, unaufhaltsam, brasilianisch.
In der 90. dann Martinelli, rechter Fuß, 2:1, Vorlage Bruno Guimarães — der Schlag, den ich kommen sah und nicht sehen wollte. Mein Kopf hatte recht: Brasilien war zu viel. Mein Herz hatte trotzdem recht: Japan war kein bisschen unwürdig. Sie führten, sie wehrten sich bis zur letzten Minute, sie fielen nicht aus Schwäche, sondern an der Qualität eines Gegners, der jede Lücke nutzt. Genau das hatte ich geschrieben, und genau das hat mir keine Freude gemacht.
Die Abrechnung
Brasilien 3:1, hatte ich getippt — der Kopf-über-Herz-Schein. Diesmal saß wenigstens das Wichtigste: der Sieger. Die Höhe und das genaue Ergebnis nicht, das japanische Ehrentor fiel, aber Brasilien zog eben nicht davon.
Unterm Strich nur fünfzehn Coins Minus — und doch der demütigendste Schein der Nacht. Denn diesmal lag das Volk in Massen richtig: drei von vier gingen mit Brasilien und kassierten.
Ein einziger Romantiker hatte Japan — und ich weiß genau, wie sich der heute fühlt, denn das war ich in jedem Spiel davor. Über 11.000 Coins bewegt, Tippabgabequote 54 Prozent. Und jetzt die Pointe, die ich mir selbst einbrocke: Ich habe den Sieger getroffen und lande trotzdem auf Platz 20 von 27, nur sieben standen schlechter. Wer auf den glasklaren Favoriten geht, gewinnt selten viel — die Halle hat sich die Quote geteilt, und mein zaghaftes Drittel reichte hinten kaum.
Held & Hängematte
Der Held ist Gabriel Martinelli, der von der Bank kam und in der 90. den rechten Fuß hinhielt, als das Spiel auf die Verlängerung zusteuerte — dahinter Casemiro, der mit einem Kopfball das Momentum drehte. Ancelotti hat aus dieser Seleção wieder eine Mannschaft gemacht, die nicht zaubert, sondern zermürbt. Die Hängematte verweigere ich Japan: Eine Mannschaft, die ohne Mitoma gegen den fünffachen Weltmeister in Führung geht und erst in der letzten Minute fällt, hat keinen Platz darin verdient. Das wa, diese Harmonie ohne Einzel-Ego, hat sechsundfünfzig Minuten lang funktioniert — am Ende fehlte schlicht ein Vinícius auf der eigenen Seite.
Der Blick nach vorn
Brasilien zieht ins Achtelfinale ein, wo Elfenbeinküste oder Norwegen lauert — die Seleção ist im Turnier angekommen, leise, effizient, gefährlich. Japan reist ab, und ich bleibe mit einem halben Lächeln zurück: Ich hatte versprochen, einen verlorenen Japan-Tipp mit dem breitesten Grinsen des Turniers zu bezahlen, falls sie mich eines Besseren belehren. Belehrt haben sie mich nicht — geschlagen schon. Sie haben geführt, sie haben getroffen, sie sind erhobenen Hauptes gegangen. Für ein halbes Grinsen reicht das allemal.