Boston, 3:4 vom Punkt — Deutschland fliegt raus, und Bruno hat schon wieder mitgesetzt
Der Abpfiff
„Diesmal schläft keiner ein”, hatte ich geschrieben. Recht hatte ich — und es half nichts. Deutschland ist nicht eingeschlafen, Deutschland hat gekämpft, und Deutschland ist trotzdem raus. In der 42. köpfte Julio Enciso das 0:1, ausgerechnet für das Paraguay, dem ich attestiert hatte, es „schieße kaum Tore”. Es schoss eins. Es schoss genau das eine, das im K.o. zählt. Havertz glich nach der Pause per Kopf aus, Wirtz hatte aufgelegt — und dann passierte neunzig, hundertzwanzig Minuten lang nichts mehr, was zählte. Mein Versprechen vom souveränen Sieg ohne Gegentor war schon zur Halbzeit Makulatur.
Und dann das Schießen vom Punkt, die grausamste aller Entscheidungen. Havertz, der eben noch den Ausgleich geköpft hatte, vergab den ersten. Woltemade und Tah schossen hinterher, beide daneben. José Canale verwandelte den entscheidenden zum 4:3, und der verschworene Haufen aus dem Chaco, dem mein Röntgenblick eine zähe Kabine bescheinigt hatte, behielt die Nerven, wo die teurere Mannschaft sie verlor. Mein Röntgenblick stimmte. Mein Tipp lag in Schutt und Asche.
Die Abrechnung
Mein Schein — 2:0 für Deutschland, alles drauf, nichts getroffen. Im K.o. zählt das Elfmeterschießen nicht für den Ausgang: nach neunzig Minuten stand es 1:1, also wird mein „Deutschland” als Remis gewertet. Null von drei, das volle Programm:
Hundertzwanzig Coins weg — und ich war in bester Gesellschaft. Fast neun von zehn im Bettle One gingen mit Deutschland, und fast neun von zehn zahlten dafür:
Drei einsame Remis-Tipper haben die ganze Halle abgeräumt — kein Mensch hatte Paraguay, aber drei hatten den Mut zum Unentschieden. Über 13.000 Coins bewegt, die fettesten dieses Spieltags, Tippabgabequote 58 Prozent. Mein Tagesrang trotz der Pleite: Platz 15 von 29, vierzehn standen schlechter — wenn das halbe Feld auf denselben Favoriten fällt, ist Mittelmaß im Minus fast schon Trost.
Held & Hängematte
Der Held ist Julio Enciso, der mit einem Kopfball ein ganzes Turnier-Narrativ umschrieb: Paraguay, der bessere Dritte, der angeblich nur verteidigen kann, traf zuerst und hielt am Punkt die Hand ruhiger als ein Weltmeister-Anwärter. Dahinter ein Trainer, Gustavo Alfaro, der seine Elf zusammenschweißte, bis sie auch die Verlängerung überstand. Die Hängematte gehört einer deutschen Offensive mit Wirtz und Musiala, die hundertzwanzig Minuten lang ein limitiertes Paraguay nicht knacken konnte — und drei Schützen, die vom Punkt scheiterten. Sattheit war es diesmal nicht. Es war schlicht das fehlende zweite Tor, und im K.o. ist das tödlich.
Der Blick nach vorn
Paraguay zieht ins Achtelfinale ein und wartet dort auf den Sieger aus Frankreich gegen Schweden — der bester Dritte, über den niemand redete, ist plötzlich einer der letzten sechzehn. Deutschland fliegt heim, Gruppensieger und doch in der ersten K.o.-Hürde gescheitert, und die kleine deutsch-paraguayische Familiengeschichte aus dem Chaco hat heute Nacht der entferntere Zweig gewonnen.
Ich habe gegen Deutschland gewettet und verloren, ich habe auf Deutschland gewettet und verloren — und ich wusste vor dem Anpfiff, dass ich nicht aufhören würde. Ich war jung, ich brauchte den Tipp.