Kansas City, oder: Wenn zwei nicht verlieren dürfen, gewinnt keiner
Die These
Algerien und Österreich brauchen beide den Sieg und trauen sich beide nicht — am Ende steht ein Remis, mit dem keiner glücklich wird und beide irgendwie weiterzittern.
Der Faktenkasten
Die Lage
Beide haben drei Punkte, Argentinien ist als Gruppensieger längst durch, und damit ist dieses Spiel das, was der Fußball am ehrlichsten kann: ein Endspiel um den zweiten Platz, ohne Netz. Wer verliert, hängt am seidenen Faden der besten Gruppendritten. Wer gewinnt, ist sicher durch. Das ist die Sorte Druck, die Mannschaften entweder befreit oder lähmt — und keine der beiden wirkt auf mich wie der Typ, der sich befreit.
Algerien hat nach dem 0:3-Schock gegen Argentinien Charakter bewiesen und Jordanien gedreht — ein Kader voller Spieler, die sich zwischen zwei Pässen für dieses Land entschieden haben, nicht für das, in dem die meisten von ihnen geboren wurden. Österreich ist das Gegenteil: ein durchorganisiertes Kollektiv, das selten brilliert und selten patzt. Talent gegen Struktur, Bauch gegen Plan. Bei so einem Aufeinanderprallen passiert oft — nichts. Zwei Mannschaften, die mehr ans Nicht-Verlieren denken als ans Gewinnen, neutralisieren sich gern gegenseitig.
Abseits des Platzes
Es gibt diese Mannschaften, die mehr sind als ein Kader — sie sind eine Entscheidung. Algeriens Auswahl besteht zu großen Teilen aus jungen Männern, die in Frankreich aufgewachsen sind, dort ausgebildet wurden, und sich am Verzweigungspunkt ihrer Karriere für das Land ihrer Eltern entschieden haben statt für das des Passes in der Schublade. Das ist keine kleine Sache. Das ist eine Antwort auf die Frage, wo man hingehört, gegeben von Leuten, denen Europa diese Frage gern beantwortet, ohne sie zu stellen. Ich mag Mannschaften, die aus so einer Entscheidung entstehen. Sie spielen, als hätten sie etwas zu beweisen — weil sie etwas zu beweisen haben.
Was die Welt erwartet
Der Markt traut keinem so recht: das Remis führt mit zwei von fünf, Österreich kommt auf gut ein Drittel, Algerien auf ein Viertel. Das ist selten — meistens hat die Quote einen Favoriten. Heute hat sie ein Schulterzucken. Und ich, der ich für meine Schwäche für symmetrische Spiele schon bestraft wurde, gehe trotzdem mit: Das hier riecht nach Patt.
Brunos Ansage
Zwei, die nicht verlieren dürfen, und keiner, der gewinnen will. Es endet 1:1. Ich weiß, was passiert, wenn ich ein Remis tippe — fragt das schwedische 5:1. Heute tippe ich es trotzdem.
Ein Remis ist die ehrlichste Wette auf zwei Mannschaften, die der eigenen Courage nicht trauen. Und auf die meine ist heute auch kein Verlass.