East Rutherford, oder: England räumt auf — und der Fluch wartet im Viertelfinale
Die These
Panama hat seit 2018 nicht gelernt, Tore zu schießen — England hat seit 2018 nicht gelernt, aufzuhören.
Der Faktenkasten
Die Lage
Kane ist inzwischen dreißig und schießt für Bayern München fünfzig Tore pro Saison wie andere Leute Kaffee kochen. Bellingham ist zweiundzwanzig und spielt bei Real Madrid. Panama hat Coco Carrasquilla im Mittelfeld und Aníbal Godoy, sechsunddreißig Jahre, Kapitän, bei seiner vermutlich letzten WM. Godoy ist seit 2018 dabei, als die 6:1 passierte. Er stand damals auf dem Platz. Das ist die Art Autorität, gegen die man schwer anschreibt — und die trotzdem nicht reicht, wenn die Klasse so ungleich verteilt ist.
Panamas Ausgangslage: Mathematisch noch drin. Praktisch brauchen sie einen Sieg gegen England und hoffen, dass Ghana Kroatien nicht mit mehr Toren schlägt als Panama England gewinnt. Der Plan ist: gewinnen — und dann darauf vertrauen, dass das Parallelspiel passt. Das ist ein Turnierszenario, das ich aus Gründen der Würde nicht weiter ausführe.
Was auf Englands Seite zählt: Nach dem 0:0 gegen Ghana gehen sie mit vier Punkten ins letzte Gruppenspiel. Selbst bei einer Niederlage gegen Panama dürften sie durch — Panama müsste England schlagen, und Kroatien müsste Ghana schlagen, damit es eng wird. Die Wahrscheinlichkeit beschreibe ich so: Ich würde dagegen tippen. Tue ich aber nicht. Bruno setzt nie gegen sich selbst.
Abseits des Platzes
England und das Halbfinale: Das ist die Geschichte, die seit 1966 weitergeschrieben wird und seit 1966 keinen befriedigenden Schluss findet. Zweimal in sechzig Jahren Halbfinale bei einer WM — 1990 gegen Deutschland, Elfmeterschießen, Stuart Pearce und Chris Waddle scheitern; 2018 gegen Kroatien, Verlängerung, 1:2. Dazwischen: Vier Viertelfinale, vier Achtelfinal-Elfmeter-Niederlagen, zwei Finalniederschläge bei Europameisterschaften. 2020 gegen Italien, Saka, Rashford, Sancho. 2024 gegen Spanien. Die Three Lions können Fußball — sie können es achtzig Minuten lang besser als fast alle anderen, und dann kommt irgendwas dazwischen: ein Elfmeterschütze, der zu lange wartet; ein Kroate in der Verlängerung; ein Tor in der Nachspielzeit. Jetzt steht ein Deutscher auf der Bank. Tuchel ist der erste deutsche Trainer dieser Nationalmannschaft, und die Ironie ist nicht fein, sie ist grob: Der Mann, der von der Nation ausgebildet wurde, die 1990 das erste große englische Elfmetertrauma verursachte, soll jetzt den Fluch brechen. Gegen Panama sieht keiner Probleme. Der Fluch wartet geduldig im Viertelfinale.
Was die Welt erwartet
Ungefähr achtzig Prozent sehen England — eher mehr. Der Markt kennt das Zahlenspiel: die zweite Begegnung zweier Teams, die sich genau einmal getroffen haben, mit einem 6:1 als einziger Vorlage. Panama hat diese WM kein Tor geschossen und einen Punkt geholt. England hat in Spiel eins vier Tore gemacht. Ich folge dem Markt mit voller Überzeugung. Drei Tore Abstand — weil England muss, und weil Panama keine Offensivwaffe hat, die Kane aufwiegen würde.
Brunos Ansage
Die Klasse ist zu ungleich verteilt, um es spannend zu machen. England gewinnt 0:3.
Das MetLife Stadium fasst zweiundachtzigtausend. Hier wird im Juli das Finale gespielt. England schaut sich das Gelände heute schon mal an — damit sie wissen, wo es langgeht, wenn der Fluch irgendwann nachlässt.