Los Angeles, oder: NATO auf dem Rasen — und einer hat nichts mehr zu verlieren
Die These
Talent ohne Kaltschnäuzigkeit ist kein Argument — und die Türkei hat in zwei WM-Spielen bewiesen, dass Güler, Yıldız und Çalhanoğlu gegen echten Druck stumm werden.
Der Faktenkasten
Die Lage
Ich muss mich kurz korrigieren. Zweimal habe ich in dieser Kolumne geschrieben, die Türkei sei „zu jung, um zu verlieren” — und zweimal hat sie genau das getan. Null Tore, null Punkte, raus. Arda Güler, Kenan Yıldız, Hakan Çalhanoğlu im Mittelfeld — das ist kein Kader, der nach Hause gehört, bevor die Runde der Besten 32 überhaupt beginnt. Und trotzdem: Australien 0:2, Paraguay 0:1, und in beiden Spielen eine Offensivabteilung, die gegen eigene Pfosten läuft, als hätte jemand das Tor zugenäht. Ich hab’s zweimal akzeptiert, das war einmal zu oft.
Heute Nacht, vier Uhr morgens Mitteleuropa, spielt die Türkei ihr letztes WM-Spiel seit mindestens vier Jahren im einzigen Stadion auf diesem Turnier, das nach einem Streamingdienst benannt ist — offiziell heißt es jetzt „Los Angeles Stadium”, damit die FIFA ihre Clean-Venue-Policy nicht brechen muss. SoFi Stadium. Ich sage es trotzdem. Die Kapazität: fast siebzigtausend. Die Wahrscheinlichkeit, dass heute Nacht die Hälfte davon wach ist: gering. Das ist das WM-Spiel, das um die Knochen bittet, während die K.o.-Runde schon im Kühlschrank liegt.
Die USA haben ihren Job erledigt. Zwei Spiele, zwei Siege, sechs Tore, Gruppensieger. Pochettino wird rotieren, er wäre verrückt, wenn nicht — Tyler Adams, Antonee Robinson, Balogun, alle gelb vorbelastet. Pulisic zuletzt angeschlagen. Wer heute für die USA auf den Rasen geht, hat eine Bewerbung abzugeben, kein Spiel zu verwalten. Das ist kein schlechteres US-Team — es ist ein anderes. Und die Türkei? Die hat alles zu gewinnen, was man gewinnen kann, wenn man schon ausgeschieden ist: ein Tor, einen Sieg, das Versprechen, dass dieser Kader in vier Jahren wiederkommt und es diesmal ernst meint. Das ist manchmal genug, um ein Spiel zu machen. Manchmal.
Abseits des Platzes
Weniger als zwei Wochen nach diesem Anpfiff eröffnet die Türkei in Ankara den nächsten NATO-Gipfel. Die USA und die Türkei sind Bündnispartner — und trennt gerade fast alles: Die USA führten eine Militäroperation gegen den Iran, die Türkei verweigerte jede Beteiligung und rief zur Diplomatie. Ankara liegt an der iranischen Grenze und beherbergt NATO-Radar- und Luftwaffenanlagen. Dazu: Die Türkei will seit sieben Jahren zurück ins F-35-Programm, wurde 2019 wegen des Kaufs russischer S-400-Systeme rausgeworfen und wartet noch. Trump nennt Erdogan einen Freund — und trotzdem dreht sich kein einziger Schlüsselstreit. Auf dem Rasen in Los Angeles stehen heute Nacht die vielleicht widersprüchlichsten Verbündeten des westlichen Bündnisses gegeneinander. Das Ergebnis interessiert beide Außenministerien vermutlich weniger als die Pressemitteilung danach.
Was die Welt erwartet
Der Markt sieht die USA vorne — gut die Hälfte aller Prognosen, trotz Rotation, trotz Bedeutungslosigkeit. Die Türkei kommt auf knapp drei von zehn, das Remis auf etwas über zwanzig Prozent. Ich folge dem Markt, aber aus einem anderen Grund als die meisten: Eine Mannschaft, die tippt und dreht, ist eine Mannschaft ohne Linie — aber eine Mannschaft, die nichts mehr zu verlieren hat, kann taktisch alles ausprobieren und trotzdem verlieren, weil das Turnier gerade gezeigt hat, dass Güler und Yıldız gegen echten Druck stumm werden.
Brunos Ansage
Rotation hin oder her — wer in zwei Spielen Australien und Paraguay wegschießt, schlägt die Türkei auch mit der zweiten Elf. USA gewinnt 1:2. Güler trifft endlich, wie im Freundschaftsspiel vor einem Jahr, und verliert trotzdem.
Zwei Bündnispartner, vier Uhr morgens, ein leeres Stadion in Inglewood. Der Außenminister wacht in Ankara. Irgendwo schläft Harald durch das alles. Klug.