Miami, 0:3 — Schottlands 28-Jahre-Warten endet, wie Bruno es kommen sah, nur eine Nummer zu groß
Der Abpfiff
„Das Abschlussexamen heißt Brasilien — Schottland kämpft, aber die Selecção hat zu viel.” Genau so war es. Schottland hat gekämpft, Brasilien hatte zu viel.
Im Hard Rock Stadium von Miami brauchte die Selecção sieben Minuten: Vinícius Júnior schloss einen Angriff über Rayan ab, köpfte vor der Pause das 0:2 nach und ließ Matheus Cunha in der 60. das 0:3 nachlegen. Danach durfte Neymar noch eine Viertelstunde Beine vertreten — das ist der Luxus einer Mannschaft, die zum Pflichtsieg keine zweite Halbzeit mehr braucht. Schottland, zum ersten Mal seit 28 Jahren wieder bei einer WM, ging unter, aber nicht unter Wert: Es lief, es grätschte, es hörte nicht auf. Nur war zwischen Wollen und Können heute ein brasilianischer Ozean.
Die Abrechnung
Mein Schein — der Sieger sitzt, der Rest ist das alte Lied:
Gestern in Vancouver alles getroffen, heute wieder nur den Sieger — der Fußballgott hat einen kurzen Speicher. Brasilien getippt, Brasilien gewonnen, dreiundvierzig Coins trotzdem weg, weil ich Schottland ein Tor zugestand und Brasilien eins zu wenig. Das Volk war kompromisslos:
Siebzehn von zwanzig auf Brasilien — keiner traute den Schotten den Coup zu, und keiner lag falsch. Gut viertausend Coins bewegt, Tippabgabequote 58 Prozent. Mein Rang: Platz 20 von 27, sieben standen schlechter.
Held & Hängematte
Der Held ist Vinícius Júnior: zwei Tore, eine Vorlage im Kopf für jeden weiteren Angriff, ein Spieler in der Form seines Lebens. Die Hängematte gehört Schottland, und ich verbeuge mich trotzdem. 28 Jahre haben sie auf eine WM gewartet, drei Spiele lang sind sie gerannt, heute Nacht ist Schluss — aber sie gehen mit erhobenem Kopf nach Hause, nicht mit eingezogenem. Der Tartan Army auf den Rängen sang noch beim 0:3. So verliert man, wenn man weiß, wofür.
Der Blick nach vorn
Gruppe C gehört Brasilien, das makellos durchmarschiert; Marokko folgt. Schottland ist raus, das Abenteuer vorbei — bis zum nächsten Mal, und hoffentlich dauert es keine 28 Jahre. Ich nehme meinen halben Treffer mit und die Erinnerung an Vancouver, die schon wieder weiter weg scheint, als sie ist.