Inglewood, 4:1: Die Nati schlägt spät zu — von Džekos Hurra bleibt ein Tor
Der Abpfiff
„Die Schweiz ist die reifere Mannschaft und gewinnt — bevor das Zittern beginnt”, hatte ich geschrieben. Diesmal hat die Nati die Warnung selbst beherzigt: kein spätes Gegentor, kein Nachspielzeit-Drama. Nur klar war lange gar nichts — vierundsiebzig Minuten stand es 0:0, ein zähes Geduldsspiel. Dann brachte Manzambi die Schweiz in Führung, sechs Minuten später flog Muharemović mit Rot vom Platz, und in Überzahl machte Yakins Team aus dem mageren 1:0 in einem Schlussviertel-Torfest ein 4:1. Die Schwäche der letzten Spiele blieb weg — aber weggewischt hat die Nati Bosnien erst, als der Gegner einen Mann weniger hatte.
Von Bosniens Geschichte — das gespaltene Land hinter dem einen Mann — blieb ein Tor und sonst wenig. Džeko, vierzig, hat das Ding nicht mehr gedreht; ich hatte geschrieben, das wäre mir einen verlorenen Tipp wert gewesen. Verloren habe ich, gedreht hat er nicht. So bekomme ich heute beides: das Minus und die Gewissheit, dass manche Märchen eben doch ein Verfallsdatum haben.
Die Abrechnung
Mein Schein. Auf den Sieger war Verlass, der Rest zerschellte an drei Toren zu viel:
Den Sieger hatte ich, die Wucht nicht — für ein 4:1 war mein sauberes 2:0 viel zu bescheiden gedacht. Ihr lagt mit mir auf der Nati:
Drei von fünf sahen die Schweiz, und die Schweiz lieferte — nur eben deutlich mehr, als irgendwer auf dem Zettel hatte. Knapp dreieinhalbtausend Coins bewegt, Tippabgabequote 67 Prozent. „Bruno gegen das Volk”: Der richtige Sieger hält mich über Wasser, das Torfest drückt mich runter — es reicht fürs Mittelfeld und keinen Zentimeter höher.
Held & Hängematte
Der Held ist eine Reife, die endlich auf den Platz fand. Die Schweiz hat zwei Spiele lang in der Nachspielzeit gezittert; gegen Bosnien ließ sie das Zittern gar nicht erst aufkommen — als das zähe 0:0 endlich kippte, kippte es ganz auf ihre Seite. Xhakas „jetzt oder nie” klingt nach diesem 4:1 weniger nach Verzweiflung und mehr nach Plan. Die Hängematte hängt in Bosnien, und sie hängt schwer. Drei Remis in Serie, das Nervenkostüm aus Stahl — und dann ein 1:4, das die schöne Geschichte vom Land hinter dem einen Mann jäh bremst. Für Džekos letztes Turnier bleibt jetzt nur noch das letzte Gruppenspiel.
Der Blick nach vorn
Gruppe B sortiert sich brutal: Die Schweiz an der Spitze, und auch Kanada hat geliefert — wie deutlich, das rechne ich gleich ab. Bosnien und Katar müssen am letzten Spieltag gewinnen und auf Schützenhilfe hoffen. Ich nehme den richtigen Sieger mit und die immer gleiche Lehre dieses Turniers: Den Gewinner zu kennen, ist die halbe Miete. Die andere Hälfte heißt Tordifferenz, und die hat es heute in sich gehabt.